InterContinental Life
Die Zeit der Märchen ist vorbei
Das Febiofest in Prag hat sich zu einem der bedeutendsten Filmfestivals Europa entwickelt – und ist dennoch nicht elitär.
Aschenbrödel kam aus Tschechien. Auch der zaubernde Pan Tau. Und Prinzessin Dornröschen erst recht. Es waren die Stars der berühmten tschechischen Märchenfilme, die Kinder bis heute begeistern. Doch – und darauf legt die Szene der tschechischen Filmemacher Wert – diese Filme liegen 30 Jahre zurück. Es hat sich viel getan, tschechische Filme erzählen längst nicht mehr nur Märchen. Gleich geblieben ist aber die große Begeisterung der Tschechen für den Film. Zu messen ist diese Begeisterung am jährlichen Febiofest, das sich in den vergangenen 17 Jahren zu einem der größten und bedeutendsten europäischen Filmfestivals entwickelt hat.
Im größten Kinocenter Prags („Village Cinemas Andel“) und anschließend in acht tschechischen Metropolen ist zwischen dem 25. März und 18. April 2010 das Beste zu sehen, was die europäische und internationale Film-, Fernseh- und Video-Szene zu bieten hat.
Das Festival begann 1993, wie so viele, als Independent-Projekt: kein Geld, keine Infrastruktur, keine Regeln – aber dafür jede Menge Begeisterung für das Medium Film. Die Idee stammte von den Gründern der unabhängigen Prager Film- und TV-Firma FEBIO, die – als sich die Tschechoslowakei von einer kommunistischen Diktatur in einen demokratischen Staat wandelte – die Heimat fast aller bedeutenden tschechischen Filmemacher war. Der Zulauf wuchs von Jahr zu Jahr. Wie bedeutend das Festival heutzutage ist, beweisen internationale Größen der Filmbranche, die dem Febiofest ihre Referenz machen. Die Gästeliste ist illuster: Claude Lelouch, Roman Polanski, Volker Schloendorff, Isztvan Szabo, Tsai Ming-Liang, Tom Tykwer, Armin Mueller Stahl, Claudia Cardinale….
Trotzdem ist das Festival nicht elitär geworden. Zum Konzept gehört beispielsweise ein transportables Video-Auditorium mit 100 Plätzen, das in Bahnhöfen oder sogar Kirchen kostenlose Vorführungen für ein spontanes Publikum bietet. Unter dem Dach des Febiofests etabliert sich inzwischen ein zweites, nicht minder interessantes Fest: Das abendliche Rahmenprogramm hat sich inzwischen zu einem veritablen Musikfest mit großem Zulauf entwickelt, bei dem vom kommerziellen Pop bis zum experimentalen Jazz so ziemlich jede Musikrichtung eine Heimat findet.
Kein Festival ohne Preis – mehr als 100 der renommiertesten tschechischen
Filmkritiker stimmen über die Vergabe des „KRISTIÁN“
– das Pendant zum Goldenen Löwen, dem Oskar oder dem deutschen Filmpreis
– ab. Vergeben wird auch ein Preis, den absolut keiner haben will: der
„Hippo“.
Den bekommt der schlechteste Film des Jahres.
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